Geschrieben von: Piers
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20. Februar 2011
(Mainzer-Fankanal) Eigentlich hätte es ein guter Samstag werden können. Eigentlich. Doch ein Lied, drei Fußballmannschaften, ein Trainer und ein Kommentator haben diesen von seiner Papierform her eigentlich guten Samstag, zu einem richtig miesen Samstag werden lassen.
Eigentlich begann der Samstag ganz gut. Nachdem die Kameraausrüstung überprüft und gepackt war, ging es kurz vor neun Richtung MSV-Arena los. Interviews für Sport.1 drehen.

Die sonst so Stau anfällige A3 Richtung Duisburg war frei, keine schleichenden Hutträger unterwegs, die trotz freier 3-spuriger Autobahn stur links fahren, weil sie in 5.481km einen LKW überholen müssen und auch vom berühmten uralt Benz mit gehäkelter Klorolle auf der Hutablage keine Spur. Also bin ich souverän 45min zu früh an der MSV Arena eingetroffen – der eigentlich gute Samstag war gegen 11:15 eigentlich noch immer gut.
Die Ergatterung des hinterlegten Parkscheins und der Arbeitskarte gestaltete sich überraschend einfach, kompliment hier an den MSV. Das ist leider in der 2. Liga nicht immer der Fall, aber die Schilderung meiner Erlebnisse an diversen Einlässen im Unterhaus würde den Rahmen dieser Geschichte sprengen.
Es ist also noch genügend Zeit, um im Presseraum ein paar Schwätzchen mit den Kollegen von der Sportschau und von Sky zu halten. Aber zu diesem Zeitpunkt gab es rückblickend schon erste Anzeichen, dass der Fußballgott keine Lust auf einen eigentlich guten Samstag hatte. Die offerierte warme Mahlzeit für die Journalisten war meiner Meinung nach entwürdigend. Als ich den Deckel der Warmhalteplatte öffnete, verwirrte der Anblick erst mein Sehzentrum und dann meldete mein Riechzentrum sehr eindringlich: „Finger weg – oder die heutigen Interviews bekommen einen unerwünschten grau-braunen Anstrich“.
Ich gehorchte ausnahmsweise mal meinen Sinnen und die Diskussion mit Kollegen, die scheinbar nicht alle Sinne beisammen hatten und trotz Warnung ein Tasse „Suppe“ zu sich nahmen, war belustigend. „Was isn das für ne Suppe?“ „Suppe? Ich glaub das ist eher ne Soße“ „Ja und, was isn da drinne?“ „Hmmmmhhhmm“ testet die Suppe, als ob's ein teurer Margaux wäre, „ich glaub 's ist Hack mit Pilzen und viel Sahne.“ „Neee, das ist doch kein Hack, das schmeckt wie zerkochter Lauch“ Ein dritter Kollege aus der Ferne „Quatsch, das ist eindeutig Broccoli“. Ich fand es roch und sah so aus wie „Pute in feiner Sauce“, das Katzenfutter, auf das mein Kater momentan total abfährt. Die „Suppe“ war nur dickflüssiger und grauer. Brrrrrr.

Also nur mit einem Kaffee gestärkt hoch auf die Pressetribüne, um sich an einem guten Zweitligakick MSV vs Union erfreuen. Die schmucke MSV-Arena war allerdings erbärmlich leer. Die Dusiburger und Unioner haben trotzdem versucht eine nette Atmosphäre zu erzeugen, was leider nicht so recht gelang.
Und da war es dann. Das Lied, das ich schon total verdrängt hatte. Boah, wie ich dieses Lied hasse. „Zebrastreifen weiß und blau, Zebrastreifen weiß und blau, ein jeder weiß genau, das ist der M-S-V“ Da kommen seltsame 2. Liga Erinnerungen hoch. Für alle die sich quälen wollen, bittesehr.
Und schon war der eigentlich gute Samstag nicht mehr so dolle.
Was folgte war ein wirklich müder Zweitligakick, der mir drei Erkenntnisse brachte:
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Baki ist immer noch verdammt schnell und sein Laufstil erinnert immer noch an eine tackernde Nähmaschine
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Trojan ist zurück in seiner „Comfort-Zone“
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Der Don sollte versuchen, Talent Julian Koch für unsere rechte Seite zu verpflichten. Kloppo braucht den nächste Saison nicht.
Nach den 90 Minuten war der eigentlich gute Samstag, der schon nicht mehr so dolle war, recht mies. Denn die beiden Mannschaften haben, bei gefühlten minus 10°, wirklich alles dafür getan, das mir dieses Spiel als eines der schlechtesten in Erinnerung bleiben wird.
Wir hätten somit also das Lied und zwei von drei Mannschaften, die der Fußballgott gesandt hat, um den eigentlich guten Samstag zu vermiesen.
Jetzt aber schnell zurück nach Mainz, damit ich es noch rechtzeitig in den Block schaffe. Das ging leider nicht, denn da war ja noch diese unliebsame Pflicht. Die Arbeit. Mein Sport.1 Redakteur hat schnell die Interviewpartner abgefangen, denn ich lag ihm ja schon seit zwei Stunden in den Ohren, dass es bitte schnell gehen möge. Nur Trainer Neuhaus von Union ließ sich bitten. „Ja, ja, ich geh nur kurz in die Kabine.“ Von wegen. Von der Kabine gings direkt in die Pressekonferenz. Warten. Dann noch jeden, aber wirklich jeden Schreiberling bedient, bevor wir als letzte, nach guten 45 Minuten, an der Reihe waren.
Als ich endlich am Auto ankam, brachte ein kurzer Überschlag der Reisedauer das Ergebnis, dass ich nen 180er Schnitt bräuchte, um noch rechtzeitig in den Block zu kommen. Danke Fußballgott.
So wurde aus dem eigentlich guten Samstag, der, nachdem er nicht mehr so dolle war, recht mies wurde, eine beinahe Katastrophe.
Ich fand mich also damit ab, das Spiel zu Hause auf der Couch zu verfolgen.
Zu Hause angekommen und Sky angeschaltet, stellte sich sehr schnell heraus, das dies keine gute Entscheidung war, denn Marcel Reif gab sich Ehre am Mikrofon. Es waren noch keine fünf Minuten gespielt, da musste ich schon auf Stadion-Atmo umschalten, denn dieser inhaltlose Plapperer war einfach unerträglich. Ohne seinen Aufstellungszettel und seine Assistenten, die ihn mit dutzenden von Statistiken füttern, hätte er rein gar nichts über Mainz 05 zu sagen. Da wird mal eben schnell die Rückrundenstatistik breit getreten, „... nur 4 Punkte haben die Mainzer in der Rückrunde geholt, das zeigt, dass sie die Qualität der anfänglichen Siegesserie nicht halten können. Sie spielen einfach schlecht.“
Nein Herr Reif. Das zeigt einfach nur, dass Sie scheinbar noch kein Spiel der 05er diese Saison über 90 Minuten gesehen haben. Und erst recht noch keins in der Rückrunde.
Denn eine Sache habe ich von Thomas Tuchel diese Saison wirklich gelernt. Man darf ein Fußballspiel nicht nach seinem Ergebnis beurteilen. Es geht vielmehr um das „wie“. Selbst wenn eine Mannschaft gewinnt, kann sie schlecht spielen. Und das sollte man nicht kultivieren. Denn man wird nicht immer nach einem schlechten Spiel als Sieger dastehen. Es ist wichtiger, eine Mannschaft zu entwickeln, einen Stil zum Vorschein zum bringen. Diesen Weg soll man verfolgen, auch wenn nicht automatisch das Wunschergebnis am Ende jedes Spieltags steht. Aber in der Summe wird man mit einem klar erkennbaren, von den Spielern verinnerlichten Stil erfolgreicher sein, als wenn man sich von Spieltag zu Spieltag, von Ergebnis zu Ergebnis hangelt.
Denn wenn wir mal bei der von Marcel Reif erwähnten „ schlechten Rückrunde“ bleiben, so hat er mit der platten Ergebnis orientierten Sichtweise recht. Vier Punkte sind zuwenig. Aber wenn man die Spiele mal Revue passieren lässt, bleibt für mich die erstaunliche Erkenntnis: Mainz 05, im zweiten Jahr nach dem Aufstieg, dominiert Mannschaften wie Stuttgart, Wolfsburg, Bremen fast nach Belieben. Wer hätte das nach unserem ersten Aufstieg 2004 jemals gedacht, dass unsere Buben andere Mannschaften dominieren? Und das nicht nur einmal die Saison, sondern gleich mehrfach und reproduzierbar? Früher war jeder Punkt für uns Fans ein Geschenk. Jetzt werden Spiele wie gegen die abstiegsbedrohten Stuttgarter oder die Bremer hergenommen, damit einige, vom fabulösen Saisonstart geblendeten Kenner, ihre Weltuntergangsszenarien zeichnen können. Aber was ist da passiert? Diese zwei Gegener hatten in den zusammengenommenen 180 Minuten vielleicht 4 Torchancen. Wenn ich das mit der Qualität in unseren ersten Jahren Bundesliga vergleiche, sind da Welten dazwischen.
Nichts gegen unsere erste Aufstiegsmannschaft, da waren wirklich tolle Kerle dabei, aber unser Stil war simpel und manchmal hat er tatsächlich zum gewünschten Ergebnis geführt. Hoch und lang nach vorne und dann auf die zweiten Bälle gelauert. Oder mit aggressiven Pressing den Ball erobert und so gefährliche Situationen erzwungen. Das schlimmste, was uns ein Gegner antun konnte war, uns einfach den Ball zu geben. Damit konnte die Mannschaft fast nie was anfangen und es endete oft im klassischen Schema: hoch und lang nach vorne. Wie gesagt, nix gegen Kloppo und die Mannschaft, der Stil passte zum Team und führte ja auch zu zwei grandiosen Nichtabstiegen. Aber in der Summe war der Abstieg irgendwie logisch und vorprogrammiert.
Das sieht im Jahre 2010/11 ganz anders aus. Ausser gegen Köln hatten wir in jedem Spiel die Chance auf einen Punkt, wenn nicht sogar auf einen Dreier. Wir haben jedes unserer Spiele in dieser Saison auf Augenhöhe mit dem Gegner gespielt, galten in sehr, sehr vielen Spielen sogar als Favorit. Und wir haben viele verdiente Siege eingefahren, sind im Prinzip seit dem 9. Spieltag „gerettet“ und trotzdem kommen immer mehr Miesepeter aus ihren Löchern, die jede Niederlage mit dem Standardspruch feiern „Also wenn Du mal Deine rosarote Brille abnimmst, musst Du doch zugeben, dass wir schlecht gespielt haben. Spieler X und Spieler y hat heute den und den Fehler gemacht, das darf so nicht passieren. Hätten wir die 7 Siege am Anfang nicht gehabt, wären wir ganz tief unten dabei“ usw etc pp.
Mein lieber Miesepeter, wir haben aber dieses sieben Siege. Wir haben nach 23 Spieltagen 37 Punkte und sind Fünfter. Und das nicht durch ermauerte Unentschieden, oder glückliche Siege. Denn wenn Du mir schon so untuchelesque mit Deinem Ergebnisdenken kommst, dann erwiedere ich Dir: Die Tabelle lügt nicht; wir stehen zu Recht da oben.
Aber nun zurück zu vom Fußballgott gesandten Marcel Reif, der den eigentlich guten Samstag, welcher ja schon lange nicht mehr so dolle war, sondern recht mies, ja man könnte es eine beinahe Katastrophe nennen, noch unerträglicher machte.
Ballan- und Mitnahme von Robbery werden von Herrn Reif fast ekstatisch gefeiert, obwohl sie dann mit einem Ballverlust enden. Eine ähnliche Szene von Schü, klasse Annahme, Drehung, dann aber den Ball nen Tick zu weit vorgelegt, wird mit „fahrig und nervös“ abgetan. Auch wenn mir Marcel Reif hier ganz gehörig gegen den Strich geht, so erinnere ich mich immer noch gerne an das legendäre Championsleague Spiel 98 in Madrid, in dem der Torpfosten brach, und dass er mit Jauch zusammen zu einem Hörgenuss machte, aber jetzt und heute bleibt nur eine Lösung, der Reif muss mundtot gemacht werden; umschalten auf Stadion-Atmo.
Leider konnte ich das Spiel trotz nicht zu hörendem Marcel reif nicht geniessen. Denn nach einem Lied, zwei Fußballmannschaften, einem Trainer und einem Kommentator kommen wir zum letzten Faktor, der den eigentlich guten Samstag den Todesstoß versetzte. Die Bayern.
Diese mit Topspielern gesegnete Mannschaft nutzt einfach jeden Fehler der Mainzer sofort unerbittlich aus. Einmal das Kopfballungeheuer Robben aus den Augen gelassen und schon steht es 0-1. Ich erspare mir eine tiefgreifende Analyse des Spiels. Das werden genügend Journalisten und Forenschreiber die nächsten Tage ausgiebig tun.
Das Spiel ist rum, 1-3 verloren. Ich bin bedient. Der eigentlich gute Samstag endet unerwartet auf der Couch in einem Fiasko.
Die Interviews nach dem Spiel laufen. Müller wirkt ziemlich geknickt auf mich. Schü versucht Zuversicht auszustrahlen, „wenn wir weiter so viel in Spiele investieren, werden auch Ergebnisse kommen“. Van Gaal erklärt sich in seinem seltsam sympatischen Deulländisch. Und da ist es. Zwischen den Zeilen, kann man es genau hören. Van Gaal ist erleichtert. Er ist tatsächlich erleichtert, dass er gewonnen hat. Die Bayern haben den Dreier nicht als selbsverständlich eingeplant. Nein, sie wirklich sind froh, dass sie in Mainz gewonnen haben. Wow!
Und tatsächlich. 1-3 hört sich ziemlich eindeutig an. Aber wenn man sich mal nach Tuchel Manier vom Ergebnis löst, dann bleibt doch unterm Strich stehen: Wir haben nicht gemauert, keinen Beton angerührt und wie das berühmte Kanninchen vor der Schlange gewartet, bis die Bayern uns in der 93 Minute das unvermeindliche 0-1 einschenken. Mainz 05 hat mit den Bayern mitgespielt. Auch wenn nicht alles geklappt hat und die drei Tore der Bayern absolut in Ordnung gehen, so gab es genügend Momente, in denen das Spiel hätte kippen können. Die 05er waren über weite Strecken kein Angst erfülltes Opfer, dass die Bayern nach belieben zerlegen konnten. Die Bayern haben die Mainzer tatsächlich als Gegner wahrgenommen und angenommen.
Das kann natürlich keine Punkte ersetzen. Aber es macht den eigentlich guten Samstag, der schon früh nicht mehr so dolle war, schnell noch mieser wurde und nach der beinahe Katastrophe in einem Fiasko endete, irgendwie freundlicher.
Mein Kater fängt an zu nerven. In der ganzen Hektik hab ich total vergessen, ihm sein Futterchen in den Napf zu tun. Ich gehe in die Küche ans Regal und nehme ein Schälchen Katzenfutter raus. Ich muss breit grinsen. Auf dem Schälchen steht „Pute in feiner Sauce“.
Danke lieber Fußballgott, dass ich das heute Mittag nicht essen musste.
Und so wird aus dem eigentlich schlimmen Samstag wieder ein ziemlich guter.
ph